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Rechnerlexikon

Die große Enzyklopädie des mechanischen Rechnens

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ADDIATOR - Wie es begann


Addiator - Es begann mit einer traurigen Geschichte

 

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung

Die Firma "ADDIATOR Rechenmaschinenfabrik C. Kübler" hat niemals "Rechenmaschinen" gefertigt!

Technisch gesehen sind die produzierten Zahlenschieber nur "Rechenhilfen", die die Addition und Subtraktion beherrschen.
Allerdings mit der Einschränkung, dass der Anwender den notwendigen Zehnerübertrag mithilfe geeigneter Stiftführung selbst durchführen musste.

Auch die teilweise versprochene Multiplikation und Division sind genaugenommen damit allein gar nicht möglich.

Aber Carl Kübler bestand darauf, dass es "Rechenmaschinen" sind und folgerichtig sind alle Addiator-Modelle auch weiblich!

Wenn man weiter nachhakt stellt man fest, dass er auch keine Rechner selbst erfunden hat, er hat sie nur weiterentwickelt!

Wie kam Carl Kübler zu seinen Addiatoren?

2 Carl Kübler sucht neue Aufgaben

Der Textilingenieur Kübler (geb. 1875) hatte lange in einer Textilfabrik in Norddeutschland eine leitende Stelle innegehabt und war sogar mit 50% beteiligt gewesen. Seine Interessen waren vielfältig und er meldete auch mehrere Patente besonders auf seinem Arbeitsgebiet an. Diese brachte er auch in die Firma ein, allerdings zumeist nicht unter seinem eigenen Namen.
Als es zu Differenzen in der Firma kam, weil diese seine Patente auswertete und ihn nicht angemessen beteiligte, trennte er sich von dieser Firma. In einem Prozess wurde ihm dann eine Abfindung zugesprochen.

Davon konnte er zunächst mit seiner Familie leben, doch suchte er nach einem neuen Arbeitsgebiet.

So beteiligte er sich auch an der Kopieranstalt EXELSIOR für Kinofilme, die damals, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, große Verbreitung versprachen.

Hier lernte er auch Walter Kieseler kennen; das war ein aufgeweckter Junge von fast 14 Jahren, den er 1920 in seine Firma holte.

3 Rückblick auf die Situation vor Addiator

Zahlenschieber gab es schon lange vor Addiator!

Der erste in der Literatur beschriebene Rechner mit Zahlenschiebern war eine Anordnung von Stäbchen (Schiebern), die mit Zahlen beschrifteten waren. Sie befanden sich in einem Gehäuse unter je einem Schlitz und wurden mit einem Stift bewegt (um 1666).
Der Erfinder war der Franzose Claude Perrault.
Dieser Rechner, der in der Variante ohne Zehnerübertragung und in der Variante mit Zehnerübertragung über eine Stelle bekannt ist, enthielt bereits ein eigenes Fenster für die Anzeige des Ergebnisses. Er wurde nicht produziert und geriet in Vergessenheit.
Denn: Die Zeit war noch nicht reif!

Es erfolgten weitere Versuche, die Addition mit einfachen Geräten mit Stäben oder Stangen zu ermöglichen. Aber erst Heinrich Kummer gelang der große Wurf:
Er konstruierte einen mechanischen Rechner mit Schiebern und der Bedienung mit einem Stift, der praktisch alle später erneut entdeckten Elemente eines brauchbaren Zahlenschiebers enthielt.
Das russische Patent wurde 1847 erteilt, ebenso das französischen Patent (eingereicht 1844).
Kummer präsentierte seinen Rechner der Russischen Akademie der Wissenschaften am 4. September 1846.

 
Dieser Rechner wurde in verschiedenen Varianten und nennenswerter Anzahl in St. Petersburg produziert.

Es folgten diverse Versuche, einen Zahlenschieber in dieser Art zu produzieren. Bekannt sind z.B.:

Es sind noch andere Ausführungen bekannt, doch gerade der in Berlin hergestellte "Trick" hätte Carl Kübler bekannt sein können!

Und dann kam vor dem Weltkrieg schon wieder ein findiger Mann auf die gleiche Idee!

4 Eine traurige Geschichte: Die Idee des Franzosen

Walter Kieseler, der ja Addiator von Anfang an begleitet hat und alle frühen Mitarbeiter dort kannte, erinnert sich:

"In der blutigen Schlacht an der Somme (Sommer 1916) pflegte ein deutscher Sanitäter einen sterbenden französischen Soldaten. Der Franzose bat seinen Feind, der nun sein letzter Freund war, um einen Gefallen. Er sollte seine Uhr und die Mitteilung seines Todes seinen Eltern überbringen."

"Er sagte:
Als Dank habe ich eine Idee, verfolge sie weiter und mach etwas daraus! Seit 4 Jahren versuche ich eine Addiermaschine zu konstruieren, doch bin ich bis jetzt nicht weit gekommen. Der Dienst beim Militär, der verdammte Krieg, ich schaffe es nicht mehr!"

"Er übergab die Taschenuhr, einen Brief und eine Papierskizze an den Deutschen. Der erhielt also von ihm eine simple Zeichnung. Sie zeigte in primitiver Art einen Grundgedanken, die Addition von Zahlen mittels zahlentragender, beweglicher Schieber, die unter einer Deckplatte nach oben oder unten bewegt werden konnten. Weiß nach unten, rot nach oben. Der einzelne Schieber war nur linksseitig gelocht und hatte keine Möglichkeit der Zehnerübertragung."

Großbild

Skizze des Franzosen


Die Skizze, so wie Walter Kieseler sie in Erinnerung hatte

''Ob es seine eigene Idee war oder ob er nun schon in der Literatur oder im Museum in Paris einen solchen Rechner gesehen hatte, ist mir nicht bekannt.
Zu der Zeit war auch ein junger Kriegsberichterstatter im Lager. Der hatte sich mit dem Sanitäter angefreundet, beide sprachen viel über die blutigen Verluste auf beiden Seiten und wie es wohl nach dem Ende des Krieges sein würde.''

''Der Sanitäter hieß Senz, der Kriegsberichterstatter war Otto Meuter, der großes Interesse dafür zeigt.
Aber: Was sollen wir damit anfangen?''

''Als dann der Krieg aus war und man wieder reisen konnte, erinnerten sie sich an das Versprechen, das sie dem Franzosen gegeben hatten.
Sie waren ohnehin frei und arbeitslos, so beschlossen sie also, in dessen Heimat zu fahren und ihre schwere Aufgabe zu erfüllen.''

5 Otto Meuter konstruiert einen Rechner

''Die Skizze aber ließ sie nicht los. Auf ihr waren Schieber zu sehen, mit Zahlen und Zacken.
Aber eine Rechenmaschine? Wie sollte man damit addieren?''

''Auf ihren Reisen kamen die beiden auch nach Wien, wo sie versuchten, Fachleute zu befragen und im Patentamt fündig zu werden.
Napier hatte auch solche Stäbchen, aber für die Multiplikation. Das war dann auch schon alles!''

''Zurück in Berlin packte den Fotographen das Erfinder-Fieber. Er zeichnete und bastelte und konstruierte. Zunächst waren es nur 2 einseitig gezackte Pappstreifen.
Zuletzt hatte er dann tatsächlich einen brauchbaren Rechner aus Holz und Pappe in den Händen, mit dem man auch größere Werte addieren konnte.
Die Schieber waren jetzt beidseitig gezackt bzw. gelocht. Im Gehäuse gab es einen zusätzlichen kleinen Ausschnitt je Stelle, mit dessen Hilfe man eine Eins in die nächstfolgende Stelle eingeben konnte, wenn der Zehnerübertrag fällig war.''

Er nannte diesen Rechner "MEUM".

Großbild

Modell "Meum"


Das Entwicklungsmuster "MEUM"

Im Dezember 1918 meldete Otto Meuter ein Gebrauchsmuster dafür an, das am 21.1.1919 erteilt wurde.

''Aber die Fertigung, eine Fabrik, Montage und Verkauf, nein, das war zu viel. Er war kein Ingenieur, eher Kaufmann, und hatte auch kein Geld zur Verfügung.''

6 Carl Kübler trifft Otto Meuter

Nach Ende des Weltkrieges hat Carl Kübler 1918 ein einschneidendes Erlebnis:

Ein Herr Meuter arbeitete an der Erfindung eines kleinen mechanischen Rechners. Er hatte bereits ein Gebrauchsmuster angemeldet und suchte nach Geldgebern, um die Erfindung zu verbessern und produzieren zu können.
Da fügte es sich, dass er einen Fabrikanten kennenlernte, der nach einer neuen Geschäftsidee suchte.
Denn ihm war Carl Kübler empfohlen worden. Der war zwar gewöhnt, Maschinen zu konstruieren und zu fertigen, von der Rechentechnik und den bekannten Rechenmaschinen hatte er aber wenig Ahnung.

Seine Tochter Margot sagte später:
Mein Vater hatte schon immer einen Rechner im Sinne gehabt, den auch das einfache Volk kaufen und bedienen konnte!

Carl Kübler war ganz begeistert von diesem Rechner und griff zu. Er hatte Geld zur Verfügung, um diesen Rechner zu produzieren, nicht viel, doch reichte es für die Anfänge, und Geldgeber kannte er auch.

Anfang 1919 kaufte er also das DRGM 695909 samt Modell und den beiden kleinen Papp-Streifen, die er immer auf seinem Schreibtisch liegen hatte.
Margot Kübler und Walter Kieseler konnten sich noch genau daran erinnern.

 
Das Modell "MEUM" ist seit dem beinahe ein Heiligtum und existiert noch heute!

Die beiden schließen einen Vertrag:

Die genauen Bedingungen des Vertrages sind leider nicht bekannt. Allerdings zeigte sich bald, dass sie nicht günstig für Otto Meuter waren, denn die Inflation fraß bald alles Geld auf.
Es kam deshalb auch bald zu Streitereien.

7 Einblendung: Margot erinnert sich

Die Tochter von Carl Kübler, Margot, die zu Ende des Weltkrieges gerade 5 Jahre alt war, erinnert sich an das, was ihr Vater später erzählt hatte:

"Meuter war in Wien und fand Patente von Napierstäben. Was er hatte waren aber Pappstäbchen, sehr primitiv. Und eine Notiz, dass durch Verschiebung eine Addition erreichbar sei, das war alles."

"Mit diesen Sachen (und dem DRGM) kam er zu meinem Vater nach Berlin, ca. 1918/19.
Der war an sich Textilfachmann aber technisch interessiert.
Und schon immer wollte er eine "Volksrechenmaschine" bauen, denn die bekannten Rechenmaschinen waren schwer und teuer.
Und er sagte: Ich glaube, daraus lässt sich was machen. Lassen Sie mir das mal hier! "

''Er bot ihm Geld, denn Meuter war knapp bei Kasse.
Meuter: "An Geld liegt mir nichts, ich möchte eine Anstellung dafür haben, wenn Sie daraus etwas machen!"
Dann hat mein Vater einen Ingenieur angestellt und Werkzeugmacher. Und er hat die Firma gegründet und nach und nach den Rechner entwickelt.
Und er hat Otto Meuter eingestellt als 2. Geschäftsführer.
Als Meuter merkte, da wird was draus, hat er Forderungen gestellt.
Mein Vater meinte: "Wir müssen ja alle über die Runden kommen!" und hat die Forderungen abgelehnt.
Meuter meinte, er wolle zur Hälfte beteiligt werden. Das ging natürlich nicht, er war als Kaufmann an der Weiterentwicklung ja nicht beteiligt.
Mein Vater bot ihm mehr Gehalt an, eine Beteiligung lehnte er aber ab, er hatte früher schlechte Erfahrungen damit gemacht!''

''Aber es gab noch andere Differenzen:
Otto Meuter bevorzugte ein kleineres Modell.
Mein Vater dachte größer und sagte dann:
"Das muss in eine Manteltasche passen!"

"Herr Meuter hat dann ca. 1922/23 die Firma verlassen und hinter dem Rücken meines Vaters eine Konkurrenz aufgebaut.
Es gab jahrelang Prozesse bis in die 1930er Jahre."

8 Große Enttäuschung: Es gab das alles schon

Carl Kübler verbessert den Rechner und plant die neue Firma "ADDIATOR" und bereitet die Produktion vor.

Das Patent reicht er am 24.05.1919 ein. Es trägt den einfachen Titel "Rechenmaschine" und sieht im ersten Entwurf aus wie der Rechner "MEUM" von Meuter.

Die Anmeldung des Patents bearbeitet ein gewissenhafter Patentbeamter und der stellt fest:
Rechner dieser Art gab es schon lange in zudem besserer Ausführung und die konnte man sogar seit einigen Jahren kaufen!

"Immer ruhig mit den jungen Pferden!", das sagte Carl Kübler immer, wenn es kompliziert wurde.

Carl Kübler fällt aus allen Wolken und diskutiert mit seinem Patenanwalt. Nach langem Schriftwechsel zwischen Patentanwalt und Patentbeamten und etlichen Änderungen wird allmählich das "Hauptpatent" der Firma daraus:
Ein zweiseitiger Rechner, vorne Addition, hinten Subtraktion. Diese Anordnung ist neu und patentfähig, alle atmen auf.
Aber dadurch geht viel Zeit verloren: Erst am 23.01.1923 wird das Reichspatent Nr. 367599 erteilt! Das ist das "Hauptpatent" der Firma Addiator; es sollten noch viele folgen.

9 ADDIATOR startet voll durch

Nun gut, man hatte jetzt einen eigenständigen Rechnertyp, der sich in Zukunft auch bewährte.

Im Jahre 1920 kam auch Walter Kieseler in die junge Firma Addiator und der ist auch der Chronist, der diese frühe Zeit selbst miterlebt hat und uns nahe bringen konnte.

Ein großer Vorteil des Rechnertyps war seine Flexibilität bei einfachem Aufbau und moderatem Preis.
Eben ein "Rechner für alle"!
Das war in der schweren Zeit, Anfang der 1920er Jahre, als kaum jemand Geld hatte, ein unschätzbarer Vorteil.

Die vielen Anzeigen erreichten auch noch die fernsten Länder. Und so war es bereits 1920 ein Großauftrag aus Australien (und Neuseeland), der den nötigen Anfangsschub brachte.
Denn die Pound-Sterling-Währung machte den Kaufleuten Kopfzerbrechen, da kam die Ausführung für diese Währung gerade rechtzeitig auf den Markt. Die Rede war von 100.000 Stück, die beste Werbung und ein Geldsegen!

Großbild

Standard-Sterling


So etwa sah die erste Addiator mit Pound-Sterling Währung aus

Carl Kübler brauchte viel Geld für eine Expansion. So verkauft er 1922 die Rechte an seinem Rechner für Frankreich an einen französischen Kaufmann.
Damit konnte er die Produktion ausweiten, aber der französische Markt war damit praktisch verloren!

Der Kreis schließt sich:

Freundschaft heißt jetzt:
Der Franzose fertigt bald schon ein Konkurrenzprodukt!

10 Literatur

11 Copyright

Alle Rechte beim Verfasser

Erstellt von: F. Diestelkamp 16:33, 14. Jan 2026 (CET)



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